Der Strich und die Freiheit. Yves Saint-Laurent

Mit sanftem Druck liegt der Zeigefinger auf der Kreide, zieht einen Strich, setzt neu an, um ihn etwas breiter werden, die Form deutlich hervortreten zu lassen.

Der Zeichner arbeitet sicher, die Linien, die er auf die Tafel bringt, erfordern keinerlei Nachbesserungen. Die Hand weiß, was sie tut, sie ist sicher, geübt.

Und das, obwohl sich Yves Saint-Laurent an keinerlei Vorlage orientiert. Kein Modell steht ihm zur Seite, die Figur an der Tafel folgt den Vorgaben seines inneren Auges. 

Wenige Striche genügen: eine schlanke, fast überzeichnet schmale Taille, grazile Arme, ein langgestreckter Hals. Das Gesicht ist in wenigen Linien angedeutet. Figuren dieses Typs sind Saint-Laurent vertraut, bereits Jahre zuvor, im Haus der Eltern im algerischen Oran, hat er sie entworfen.

Und doch unterscheidet sich die Figur von ihren Vorgängerinnen. Die Hand an der Tafel hat ihr einen leichten Linksschwung verliehen. In der Folge bilden Ober- und Unterkörper keine gerade Linie, sondern bauen eine Spannung zueinander auf. Die Figur ist dynamisch, sie hat ein Stand- und ein Spielbein, und diese Freiheit wird sie nutzen. Denn der Stoff lässt Raum, wird den Körper, anders als noch ein paar Jahre zuvor, nicht mehr einengen. Zwei Striche reichen, das rechte Bein anzudeuten, so dünn gezogen, als habe die Figur kaum mehr Bodenhaftung - sie marschiert nicht durch die Straße, sie tanzt in ihr.

Die Straße: Sie ist die eigentliche Bühne dieser Zeichnung. Saint-Laurent steht im Atelier, aber gedanklich ist er ganz woanders, nämlich auf den Boulevards und Plätzen von Paris. Dort, und nicht in einer Galerie, sieht er seine Figur. Sie ist entworfen, um von der Tafel in die Stadt zu steigen, die Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit für nichtig zu erklären. 

Mode genügt sich nicht selbst. Sie vermischt sich mit dem Lärm, dem Geruch, den Farben der Stadt. Die Hand des Zeichners an der Tafel ist nur ein Vorspiel. Ihren großen Auftritt hat sein Geschöpf da draußen, auf der Straße, wo Kunst, wenn sie Mode ist, zu Hause ist.

Die Fotografie, auf die ich mich beziehe, kann  ich aus rechtlichen Gründen hier nicht abbilden. Wer sie sehen möchte, folge diesem Link.

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