Vom Leichten
Wir sind hier, aber wir schweben auch.
Cécile Wajsbrot
Ein Tagtraum, fast so alt wie ich selbst. Ich stehe als Kind auf einem staubigen Bolzplatz hinter den Mietshäusern. Jeder Schuss wirbelt den Sand auf, wir laufen durch kleine Wolken, jagen dem Ball hinterher. Am Rand wachsen Gräser, dahinter beginnt der Wald. Wenn das Spiel vorbei ist, gehe ich hindurch, blicke die Stämme hinauf, folge den Ästen, dem Licht zwischen den Blättern. Und dann kommt die Vorstellung: sich zu heben, leicht zu werden, getragen vom Wind – oder von einem Propeller, wie bei Karlsson vom Dach. Für einen Moment ist alles möglich. Man fliegt.
Dieser Traum ist geblieben. Er berührt etwas, das wir nicht verlieren: die Sehnsucht nach Leichtigkeit. Nach einem Zustand, in dem die Schwere der Welt für einen Augenblick auf Abstand gerät – nicht aufgehoben, aber gelockert.
Denn die Schwere ist da. Sie zeigt sich im Alltag, in den Erwartungen, die auf uns lasten, in den Nachrichten, die uns erreichen, in der ständigen Verdichtung von Anforderungen. Vieles fordert uns, vieles zieht nach unten. Wer da von Leichtigkeit spricht, gerät schnell in Verdacht: zu leichtfertig zu sein, zu fern von der Realität.
Und doch gehört die Leichtigkeit zur Realität.
Man sieht es auf den Fotografien Otto Lilienthals. Der Körper gespannt, die Arme weit, eingespannt in eine fragile Konstruktion aus Holz und Stoff. Für einen Moment trägt ihn die Luft. Es sind keine großen Höhen – zehn, fünfzehn Meter vielleicht. Und doch liegt in diesen Bildern etwas, das über den Moment hinausweist. Ein Versuch, sich zu lösen, den Boden nicht als endgültige Grenze zu akzeptieren.
Lilienthal war kein Träumer im naiven Sinn. Seine Flüge waren berechnet, vorbereitet, immer wieder erprobt – und doch blieben sie riskant. Leichtigkeit erscheint hier nicht als Zustand, sondern als Bewegung. Als etwas, das nur im Übergang existiert: zwischen Boden und Luft, zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen Können und Wagnis.
Darin liegt ihr Sinn.
Leichtigkeit bedeutet nicht, die Wirklichkeit zu leugnen. Sie bedeutet, sich nicht vollständig von ihr bestimmen zu lassen. Einen Schritt zurückzutreten, ohne sich zu entziehen. Die Dinge anders zu sehen, ohne sie zu verkennen.
Der Konjunktiv ist ihre grammatische Form: das Denken im Möglichen. Es könnte auch anders sein. Es muss nicht so bleiben, wie es ist. Diese kleine Verschiebung verändert viel. Sie lockert das Gegebene, ohne es aufzulösen.
Robert Musil hat dafür den Begriff des „Möglichkeitssinns“ geprägt. Wer ihn besitzt, nimmt die Wirklichkeit ernst – aber nicht als letzte Instanz. Er sieht, was ist, und zugleich, was sein könnte. Und gerade darin entsteht ein Spielraum, der vorher nicht sichtbar war.
Leichtigkeit entsteht genau in diesem Zwischenraum.
Sie ist kein Zustand der Schwerelosigkeit. Sie ist ein Umgang mit Schwere. Eine Fähigkeit, sich nicht festzulegen auf das, was ist, sondern Beweglichkeit zu bewahren. Eine Form innerer Elastizität.
Man könnte sagen: Leichtigkeit ist eine Praxis.
Sie zeigt sich nicht im großen Auftritt, sondern im Kleinen. In der Art, wie wir gehen, wie wir reagieren, wie wir einem anderen Menschen Platz machen. Wie wir einen Moment nicht überladen, sondern ihn geschehen lassen.
Wie ein kurzer Blick auf der Straße, ein Ausweichen ohne Zusammenstoß. Wie ein Gespräch, das nicht dominiert, sondern sich entfaltet. Wie eine Geste, die nichts erzwingt – und gerade dadurch wirkt.
Leichtigkeit hat immer etwas mit Reduktion zu tun. Mit dem Vertrauen, dass nicht alles gesagt, nicht alles gezeigt, nicht alles festgehalten werden muss.
Und genau darin liegt ihr Wert. Sie verspricht keine Dauer, sondern Augenblicke.
Aber diese Augenblicke verändern etwas. Sie verschieben den Blick, öffnen einen Raum, in dem wir uns anders erleben können. Nicht als Getriebene, nicht als vollständig Festgelegte – sondern als Bewegliche.
Das genügt.
Und hier beginnt das, was wir Leichtigkeit nennen.
Illustration: Karl Cassner, Otto Lilienthal, 1895