Was ist Eleganz?
Eine Spurensuche von Castiglione bis heute
Wie weicht man einander aus, ohne sich zu berühren? Wie führt man ein Gespräch, ohne zu verletzen? Eleganz ist keine Selbstverständlichkeit – sondern eine jahrhundertealte Kunst, die wir vielleicht gerade verlernen.
Was bedeutet Eleganz heute? Der Begriff wird oft mit Mode oder Äußerlichkeit verbunden, meint jedoch weit mehr: eine kulturell geformte Haltung, die seit Castiglione Wirkung, Maß und Selbstführung verbindet. Finden kann man sie nahzu überall. Auf dezente Weise gehört sie zu den faszinierendsten Erfahrungen städtischen Lebens: etwa in dem kunstvollen Flanieren auf Bürgersteigen und in Fußgängerzonen, jener beinahe artistische Gewandtheit, mit denen Passanten einander ausweichen. Sie sondieren ihr Umfeld weitläufig, bemerken Engpässe frühzeitig, drehen sich minimal zur Seite, tun einen Schritt nach links oder rechts, um eine kleine Kollision zu vermeiden. Das, könnte man sagen, ist im Kern die Bedeutung sozialer Eleganz.
Das kann per Blickkontakt geschehen oder auch ohne, in jedem Fall ist Kommunikation im Spiel, die Bereitschaft und Fähigkeit zur Verständigung. Nichts schöner aber als dieser kurze Blick, die stumm signalisierte Übereinkunft, die der Schrittfolge oft vorausgeht. Dieser kleine Augen-Blick ist mehr als nur ein Akt der Koordination. Er ist Programm, Bekenntnis und Erbe – in ihm spiegeln sich die Spielregeln der Zivilisation, Grundsätze des Miteinanders, Reflex gewordenes Wissen um Grundlagen angemessenen Verhaltens in Gesellschaft.
Zugleich ist dieser Blick Vergnügen. Nicht selten sendet er ein weiteres Signal: das der Lust an urbanen Umgangsformen, der Freude an wortlos ausgetauschter Information, dem reibungslosen Ablauf der Verständigung. Es ist etwas Sportliches, etwas Artistisches in dieser Begegnung – geboren aus dem Geist der Notwendigkeit und der Lust an der Eleganz.
Wenn Eleganz schwindet
So zumindest verhielt es sich viele Jahre, nein, Jahrzehnte. Inzwischen scheinen diese Reflexe nicht mehr ganz so spontan und verbreitet wie früher. Es rumpelt in den Straßen der Stadt, weichen die Körper einander nicht mehr so geschmeidig aus. Blicke treffen immer noch aufeinander, aber weniger verlässlich. Entsprechend steif bewegen sich die Körper, rumpeln aufeinander zu und kollidieren dann auch.
Die Blicke sind nicht selten dem Boden zugewandt, fern und unbestimmt, dem Umfeld entzogen, Spiegel weltvergessener Subjektivität. Oder sie sind ins Gespräch vertieft, geführt in Dreier- oder Viererkonstellation, ungerührt durchgehalten auch dann, wenn es erkennbar eng wird. Ausweichen, scheint es, ist immer Sache der Anderen.
Es ist merkwürdig: Auf der einen Seite hat die Gesellschaft ihre Sensibilität enorm entwickelt. Auf der anderen Seite scheint die Aufmerksamkeit für die Dinge im nächsten Umfeld zu schwinden. Die urbane Intelligenz mischt sich mit einer gewissen Weltvergessenheit.
Eleganz als Höflichkeit
“Wie die Anmut trägt sie die Idee einer grenzenlosen Geschmeidigkeit”, schrieb der französische Philosoph Henri Bergson 1885 über die Höflichkeit. “Wie die Anmut setzt sie zwischen den Seelen eine flinke, bewegliche Sympathie in Bewegung; wie die Anmut schließlich enthebt sie uns aus einer Welt, in der das Wort an die Handlung und die Handlung an den Nutzen gebunden ist, in eine andere, ideale Welt.”
Bergson schrieb seine Zeilen vor dem Erbe einer Kultur der Eleganz, die – von heute aus gesehen – vor 400, 500 Jahren ihren Anfang nahm. Wie nirgends sonst konzentrierten sich in Paris politische Macht und kulturelle Energien. Dort wurden Traktate, Romane, Ratgeber verfasst, deren Autorinnen und Autoren die Verhaltensweisen ihrer Zeit aufmerksam studierten und ihnen andere Modelle entgegensetzten.
Sie gaben ihren Lesern Empfehlungen zum angemessenen Auftritt in der Öffentlichkeit – aber sie erklärten auch, warum sie diese Formen für angemessen hielten. Damit setzten sie vor allem eines in die Welt: Das Nachdenken über die Motive angemessenen Verhaltens.
Von Baldassare Castiglione zu den Pariser Salons
Knapp hundert Jahre zuvor hatte der italienische Autor Baldassare Castiglione in seinem 1528 erschienenen *Libro del Cortegiano* (Der Hofmann) ein Ideal formuliert: die *sprezzatura*, die Kunst der Lässigkeit, der scheinbar mühelosen Darbietung hochkomplexer Fähigkeiten.
Ein Instrument zu spielen, einen Degen zu führen oder einen angemessenen gesellschaftlichen Auftritt hinzulegen – um ihre ganze Faszination zu entfalten, sollten solche Fertigkeiten nebenbei, wie selbstverständlich ausgeübt werden. *Sprezzatura*, wörtlich “Preislosigkeit” im Sinne von Mühelosigkeit: das ist jene Lässigkeit, die heute im Begriff der Coolness aufscheint.
Diese Idee prägte die Entwicklung verfeinerten Umgangs im Paris des 17. Jahrhunderts. Dort entstanden Salons, in denen Frauen wie Marie de Rabutin-Chantal, Madeleine de Scudéry und Catherine de Vivonne eine Kultur der Einfühlung, des Feinsinns und des leichten Gesprächs anstießen.
Was denkt und empfindet der oder die andere, und wie gehe ich darauf angemessen ein? Wo sind die Grenzen des Sagbaren? Sind sie thematisch definiert oder durch den Stil, die Art und Weise der Artikulation? Diese Fragen machten aus der Unterhaltung eine anspruchsvolle Kunst, die ihren taktischen Charakter verbarg. Nur dadurch, durch das Überspielen jeglichen untergründigen Kalküls, behielt das Gespräch seine Leichtigkeit.
Die dunkle Seite der Eleganz
Nirgends zeigt sich die Kritik an den Sitten schonungsloser als in den Schriften der französischen Moralisten, eines François de La Rochefoucauld oder Jean de La Bruyère. Unentwegt attackieren sie die Finten und Prahlereien ihrer Zeitgenossen, lassen die Luft aus den großen Worten heraus, entblößen das Elend hinter dem Glanz.
Sie lehren, genau hinzuschauen, sich nicht mit der ersten oder zweiten Erklärung zufrieden zu geben. Denn die Menschen, die sie schildern, sind berechnende Wesen. Eleganz, lernt man bei ihnen, ist nicht unschuldig. Nicht immer, aber doch sehr oft ist sie ein Instrument der Täuschung, inszeniert um des eigenen Vorteils willen.
Eleganz nach der Revolution
Die Kritik wurde lauter, vor allem schärfer. Jean-Jacques Rousseau sah im Leben der feinen Gesellschaft einen Quell nicht abreißender Entfremdung, einer verbogenen Lebensweise, die alle korrumpiert. All die Verbeugungen, die frivolen Machtspiele – all dies nahm in seinen Augen unerträgliche Formen an.
Die Französische Revolution rechnete mit der Formensprache des Ancien Régime ab, dem Pomp der alten Zeiten. Doch an einer Erkenntnis kamen die Revolutionäre nicht vorbei: Eine Gesellschaft ist auf ein Formeninventar unabdingbar angewiesen, auch auf Formeln für die verspielten, leichten Momente des Lebens.
Die Formeln mögen im 19. Jahrhundert diskreter geworden sein, wie es dem pragmatischen Selbstverständnis einer effizienzgetrimmten Gesellschaft entspricht. Türen werden nicht mehr in großer Geste offen gehalten, sondern kurz angetippt; beim Einstieg in den Zug anderen den Vortritt zu lassen, ist ein unauffällig gehaltener Akt.
Was hingegen bleibt, ist das Bewusstsein für die Form, der Wille, den Moment angenehm zu gestalten und gelingen zu lassen. All dies geht auf die Erfindung, zumindest immer weitere Ausarbeitung der Eleganz im 16. und 17. Jahrhundert zurück. Der Anspruch auf angemessenen, freundlichen, höflichen und eleganten Auftritt ist weiterhin gegeben. Er ist ein Erbe früherer Jahrhunderte, das wir nicht ausschlagen können – aber das wir vergessen könnten, wenn wir nicht darauf achten.
Illustration: Gabriel Jacques de Saint-Aubin, “Le Salon de 1779”
Dieser Essay ist die leicht überarbeitete Einleitung meines Buches “Die Erfindung der Eleganz”, Reclam, 2022, Paperback 2024. Er zeigt, wie Eleganz im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts entstand – und warum sie uns bis heute prägt.