Abschied von Cees Nooteboom
Abgegriffen sahen sie sehr, sehr schnell aus, meine Bücher von Cees Nooteboom. Der Verschleiß war und ist ein ästhetisches Bekenntnis: Vielleicht kein anderer Schriftsteller hat mich so bewegt, begeistert und immer wieder auch inspiriert wie er. Irgendwann, in den frühen 2000ern, kaufte ich auf einen Tipp hin den "Umweg nach Santiago", nicht ohne Skepsis angesichts der möglichen Evokation allzu ausgetretener Pilgerpfade. Aber dass dann alles anders, ganz, ganz anders kam, die Pfade sich verzweigten, vorneweg, die künstlerischen, die Wege, ein Thema anzugehen.
Nooteboom: Die Kunst, ein Thema - aufzugreifen. Es anzufassen an einem winzigen, fast beliebigen Zipfel. Und so unbedeutend, unscheinbar dieser Zipfel, dieses beinahe-Nichts von Nebensächlichkeit auch anmutet, es ist Nootebooms Kunst, ihm nahezu beliebig viele Aspekte zu entlocken, aufzuschreiben, was ist, was der Fall ist, aber auch, sehr schnell dann, was der Fall sein könnte, was sich diesem Ding, diesem Aspekt, diesem klitzekleinen Gegenüber entlocken ließe.
Im "Umweg" schildert er seine Reisen durch Spanien. Er folgt der Intuition des Augenblicks. Es kann eine Statue sein, ein verdorrter Halm, eine Eidechse, die Tür eines Gebäudes, ganz gleich was: Immer erzählt dieses Ding eine Geschichte, verweist auf etwas anderes, verbindet sich mit allem und jedem, ist teils aber auch sich selbst genug, weil sich doch so unendlich viel darüber sagen lässt.
Die Kunst, über die ganz, ganz kleinen Objekte zu schreiben, hat Nooteboom in "533 Tage" perfektioniert, seinem Buch über seinen bescheidenen Wohnsitz auf Menorca: das Gebäude, den Garten, die Pflanzen: Alles ist Stoff, alles lässt sich erzählen. Von "caprichos" könnte man sprechen, unsystematischen Einfällen und Launen, denen Nooteboom folgt. Wie etwa nennt man das Grün jenes Kaktus, wie das der darüber sich entfaltenden Palme?
Cees Nooteboom wurde 92 Jahre alt. Ich bin ihm unendlich dankbar.