Zu solchen Stunden. Das Gespräch als Aufbruch

Einen Menschen wissen,

der dich ganz versteht

Marie von Ebner-Eschenbach, Einen Menschen wissen

 

Köln, Uni-Mensa, Mitte der 1990er Jahre. Klapperndes Geschirr, frei werdende und im Nu wieder neu besetzte Tische, Stimmen, Lachen, auf allen Tellern des Saals Frühlingsrollen. Hunderte, die in diesem Moment dasselbe essen: Sojabohnenkeime und Weißkohl, eingeschlagen in frittiertem Teig, dazu würzig-braune Soße, grünen Salat. Mir gegenüber sitzt ein Student, den ich nur vom Sehen kenne. In der Philosophischen Fakultät sind wir uns einige Male über den Weg gelaufen, haben einander wahrgenommen, kennen uns aber nicht. Nun ein freundliches Nicken, ein Lächeln, ein paar erste Worte.

Sie sind gelegentlich banal, die Anfänge langer, teils über Jahrzehnte sich streckender Gespräche, sie starten mit einigen belanglosen Floskeln, hinter denen sich gesteigertes Interesse allerdings ahnen lässt. Den Sojageschmack vertreibt ein Kaffee draußen auf der Mensa-Terrasse, an den massiven Tischen, umringt von den harten Holzbänken, deren Gerüst aus demselben Material ist wie die Tischplatten: hartem, unverwüstlichem Beton, unbeeindruckt von den Generationen, die auf ihm gesessen haben und noch sitzen werden.

"Und was studierst du?" - "Germanistik und Theaterwissenschaft, im Nebenfach Geschichte." - "Ah!" Ich selbst berichte von meinen Fächern, der Romanistik. Bald sind wir bei unserer Passion, der Literaturtheorie. Wolfgang Iser, Hans Robert Jauß, "Poetik und Hermeneutik", dazu die großen Figuren der Postmoderne: Jacques Derrida, Michel Foucault, Roland Barthes - Helden der "Theorie", wie es damals hieß, einer Theorie für die Seele in unserem Fall, denn dahin zielte diese Theorie: Ins Zentrum unseres Empfindens, begeisterter, teils berauschter Lektüre, tiefster Bewunderung für die abstrahierende Schönheit ihrer Sprache, verbunden mit dem Wunsch, zu schreiben wie die von uns verehrten Autoren. Gelegenheit dazu boten die Dissertationen, an deren Anfängen wir damals saßen.

Szenenwechsel:  Die Niederlande, Mitte der 1970er Jahre, das Städtchen Vught nahe 's-Hertogenbosch. Damals habe sie als stilles Kind gegolten, erzählt die Freundin, als zurückhaltend, als immer ein wenig am Rande stehend. Sie habe ihre Schulkameraden gemocht, natürlich. Aber immer wieder habe sie auch das Bedürfnis empfunden, sich zurückzuziehen, auf Abstand zu gehen. Sie sei ein Kind der Stille gewesen, sagt sie, auch darum, weil sie sich mit den anderen nicht durchweg etwas zu sagen hatte. Nun aber, in der niederländischen Provinz, in dem freundlichen Backsteinbau mitten in dem grünen Park, da war mit einem Mal alles anders. Es war Sommer, sie selbst zum ersten Mal im Ausland, fand alles wahnsinnig aufregend. Denn es gab diese Lehrerin, die Leiterin des von der Schule organisierten Sommercamps. Eine Unbekannte, und doch: eine Frau, von deren Seite sie in den kommenden drei Wochen nicht mehr weichen würde. Denn diese Frau habe mit ihr gesprochen, erzählt die Freundin. Sie sei auf sie eingegangen, habe sich für die interessiert, ihr zugehört, sie ermuntert, ihr zu erzählen, was immer ihr durch den Kopf gehe. "Dazu lächelte sie immer", erzählt die Freundin- "Sie machte ein freundliches Gesicht und zeigte mir, dass sie mich mochte. Das war ein ganz ungewohntes Gefühl." Natürlich hatte sie damals auch eine gute Beziehung zu den Eltern, fährt die Freundin fort. "Aber mein Vater und meine Mutter unterhielten sich nicht viel, weder untereinander noch mit ihren drei Kindern. Sie waren wortkarg, erzogen uns, ohne allzu viele Worte mit uns zu wechseln. Die Sprache hatte keinen sonderlichen Wert bei uns."  Auch gelesen habe man im Haushalt der Eltern nicht, im Gegenteil, Lektüre galt als verpönt, besonders in den Abendstunden, weil man dann eine Lampe anzünden musste, und die kostete Strom und damit Geld. Also habe sie nur wenig gelesen, ein Umstand, auf den sie ihre damalige Wortkargheit auch zurückführt. "Aber dann lernte ich diese Frau kennen, ihre Gegenwart tat mir einfach gut, ich genoss es, mich mit ihr zu unterhalten."

Szenen beginnender Freundschaften. Die in den Niederlanden geschlossene hielt ein paar Wochen. "Wir schrieben uns ein-, zweimal", erzählt die Freundin, "dann schlief der Kontakt ein. Was sollte mir die Frau auch schreiben? Sie war ja viel älter als ich." Die andere, in der Mensa geschlossene, bestand etwas länger, dann ging auch sie auseinander, wenngleich nicht, weil ein Adresszettel verloren gegangen wäre. Was bleibt, ist die Erinnerung, an zahllose Abende, die ums Studium kreisten, genauer, die jeweiligen Dissertationen, um die Schönheit wissenschaftlicher Texte, in der Summe das, was Roland Barthes Die Lust am Text nannte, eine nie versiegende Begeisterung, gesteigert noch durch den regelmäßigen Austausch der einzelnen Kapitel der Dissertationen, an denen wir damals schrieben, danach der ersten journalistischen Texte. Sich die Lektüre-Eindrücke einander um die Ohren zu hauen, dem anderen zuzuhören, neue und immer neue Argumente zu erfinden, sie mit dem neu Gelesenen zu verbinden, einander ins Wort zu fallen, einander zu kritisieren und darüber - vor allem - zu ermutigen: Über Jahre ging das so, trafen wir uns zu unseren immer wieder neu ansetzenden Gesprächen.

Grundlegender, elementarer, die Gespräche in s'Hertogenbosch. "Ich weiß gar nicht mehr, worüber wir sprachen", erzählt die Freundin. "Aber darauf kam es auch gar nicht an. Ich fühlte mich der Frau verbunden. Sie gab mir etwas, was mir noch nie ein Mensch vorher gegeben hatte: volle Aufmerksamkeit, verbunden mit dem Gefühl, in jeder Hinsicht angenommen zu sein." Bis heute, sagt die Freundin, sei sie überzeugt, dass dieses Gespräch sie verändert hat, auch wenn es ihr zunächst gar nicht klar geworden sei. "Aber in dem Moment habe ich gespürt, wie gut mir ihre Worte tun." In der Folge habe sie dann immer mehr gelesen und später auch Anglistik und Romanistik studiert. "Ich bin die einzige in meiner Familie mit einem Universitätsabschluss. Darauf bin ich stolz, aber zugleich auch dankbar. Für den Abschluss, vor allem aber für den generellen Einfluss, den diese Frau auf mein Leben genommen hat. Vielleicht wäre ich ohne sie viel weniger glücklich durchs Leben gegangen."

 

Am Rand der Sprache

 

Wir alle kennen Gespräche, die unvergesslich sind, in denen wir uns aufgehoben, ermutigt, vielleicht sogar gerettet fühlten. Etwas klingt an, bestätigt uns, gibt uns Schwung und Selbstvertrauen, schlägt eine Saite in uns an, die bislang vielleicht nicht stumm war, nun aber heller, lauter klingt, im anderen ebenso wie in mir selbst. "Ich bin auch der andere, der zu mir spricht, dem ich zuhöre und der mich mit sich zieht", umreißt Roland Barthes diese Erfahrung.[1] Und wie nebenbei wecken diese Gespräche unser Potential, verraten uns, wie es weitergehen könnte mit uns, wo unsere Stärken, unsere Interessen, unsere Leidenschaften liegen. Aus Gesprächen dieser springen Entschiedenheit und Energie, sie schenken uns eine Leichtigkeit, eine Gewissheit, die wir in dieser Intensität nicht alle Tage spüren, vielleicht nicht einmal alle Wochen oder Monate. In diesen Momenten, im Ping Pong der Worte, entdecken wir Ungeheures, nämlich das, was wir können, was wir lieben, was uns ausmacht. Wir sind mitten im deep talk, im Gespräch, in dem etwas Neues entsteht, eine Erkenntnis unserer Möglichkeiten, die sich in diesem Moment verstärkt, uns nachhaltig anspornt und beflügelt.

Es ist immer wieder beeindruckend, was Sprache zu leisten vermag. Sie ist das wohl vornehmste Medium individueller Entwicklung. Ohne sie wären wir nicht die, die wir sind - vielleicht wären wir überhaupt nicht. "Die Gruppenleiterin in 's-Hertogenbosch hat mich wirklich nach oben gezogen", sagt die Freundin. "Ihre Freundlichkeit, ihre Zugewandtheit: Damit hat sie mir etwas Neues gezeigt, eine innere Stütze, eine Orientierung, die ich damals nirgendwo anders fand."  In diesem Sinn kann man vermuten, dass wir dem Gespräch, der Begegnung, dem Austausch mit anderen unendlich viel verdanken. Unsere Identität ist eine im Werden, und jeden Tag nimmt sie neue Aspekte, neue Eindrücke auf, schafft sich in der Begegnung jeden Tag neu. "Das Ich muss sich im Absoluten keinen Weg zum Sein bahnen", schreibt der französische Philosoph Georges Gusdorf. "Denn das Ich existiert nur im gegenseitigen Austausch mit dem Anderen; das isolierte Ich ist tatsächlich nur eine Abstraktion."[2]

Dieses Phänomen beschrieb in seinem Essay Ich und Du auch der Philosoph Martin Buber. "Alles wirkliche Leben ist Begegnung", bemerkte er in seinem berühmten Essay, erschienen 1923, nur wenige Jahre nach dem großen Sterben im Ersten Weltkrieg.[3] Der Gegner, der Andere zählte nicht in diesen Schlachtenjahren. Im Gegenteil, er war eine Gefahr und als solche zu eliminieren. Individualität, die persönliche Biographie, der einzelne Lebensweg: All das galt nichts unter dem Heulen der losgetretenen Waffen, der Kugeln, Mörser, der Chlorgas-Salven, der freigesetzten industriellen Gewalt.[4] Dem setzte Buber etwas anderes entgegen, nämlich ein Bekenntnis zum Leben, genauer: "die Befreiung des wirklichen Lebens zwischen Menschen und Menschen". So formulierte er es 1919, unmittelbar nach Kriegsende.[5] Das Gespräch ist ein Ort "gegenwartsstarker Akte", schreibt Buber und deutet damit die Intensität an, die sich einstellen kann (nicht muss), wenn zwei Menschen einander begegnen.[6]

Ein "gegenwartsstarker Akt", das ist einer, in dem die Gegenwart intensiver ist als üblich, in dem man mit ihr verschmilzt, Vergangenheit und Zukunft vergisst und eins ist mit der Zeit, aufgeht in der Intensität der Begegnung. Es sind zittrige Momente, in denen ich den anderen wahrnehme und spüre, wie er mir etwas bedeutet, wie sich etwas anbahnt, das Bedeutung hat über den Augenblick hinaus, sich in diesem aber verdichtet und ihm darum eine gesteigerte Wirkung verleiht. Der Anblick, die Stimme, die Bewegungen des Anderen: wieder ist das Gespräch eine intensive körperliche Erfahrung, weit reicht sie über das Gesagte hinaus. Ein solches Gespräch drückt Verlangen aus, das Verlangen nach dem Gespräch selbst. Tatsächlich könnte man es so formulieren: Was ist die Sprache, wenn nicht die nächstliegende Form, dieses Verlangen auszudrücken? Der Philosoph Ali Benmakhlouf spricht vom "Eros" des Gesprächs, dessen Verlauf darum eigenwillige Formen annimmt, sich um sprachliche Korrektheit nicht sonderlich schert, auch an der Präzision der Aussagen nur mäßig interessiert ist. Nein, es geht hier nicht um Dinge, es geht um uns selbst, und deswegen darf es ein wenig bunt zugehen. "Es gibt ein Regime von Aussagen, die weder vollkommen grammatikalische Sätze noch vollkommen logische Sätze sind", schreibt Benmakhlouf. "Sie stehen am Rand der Sprache, sind verbunden mit dem Willen zu sprechen, der sich auch durch Schweigen ausdrückt. Dazu gehört der entschlossen Wille, dem Wort des anderen zu folgen, dazu gehört auch das Warten auf eine Antwort, die Weigerung, eine Antwort zu geben, den Ausschluss eines Wortes usw."[7] Eine ganze Dramaturgie des Austauschs beschreibt Benmakhlouf: ein unordentliches, improvisiertes Geschehen, das der Dramatik des Augenblicks folgt, kein anderes Ziel hat als das, sich auf den anderen einzulassen, im Sinn einer flexiblen Aufmerksamkeit, der Situation geschmeidig entsprechend, darauf bedacht, die Partner einander anzunähern, die Intensität ihres Dialogs zu steigern, die Bereitschaft, sich auf den anderen einzulassen, hin zu jener gesteigerten Gegenwart, die Martin Bubers "Du" im Sinn hatte. So entfaltet das Gespräch eine existentielle Kraft, ein gegenseitiges Verständnis, eine Hilfsbereitschaft, die weitreichende Folgen haben kann - nicht zuletzt die, dass ich mich einem anderen Menschen sehr nahe fühle. Ich verdanke ihm sehr viel, vielleicht sogar die eigenen Existenz - jedenfalls in dem Sinn, dass ich mich und den, der ich sein könnte, in den Worten des Anderen entdecke. "Der Mensch wird am Du zum Ich", fasste Buber seine Beobachtung zusammen und brachte so die tiefere, vielleicht sogar eigentliche Bedeutung eines jeden Gesprächs auf den Punkt.[8] Man darf es behaupten: wir alle sehnen uns nach Gesprächen. Auch nach oberflächlichen, gewiss, aber vor allem nach solchen, die wir als "tief" bezeichnen, in die wir eintauchen, abtauchen, die uns mit Haut und Haar erfassen.

"Mit Haut und Haar": Das kann man wörtlich nehmen. Die Gespräche, die wir führen, wirken unmittelbar auf uns zurück, sie verändern uns, auch dem Weg über chemische Prozesse, durchaus auch physisch. "Jedes innere Gefühl – sei es Freude, Schmerz, Angst, Ärger oder Ekel – entwickelt sich, weil im Gehirn bestimmte neuronale Netzwerke zeitgleich aktiv geworden sind", schreibt der Neurobiologe Joachim Bauer.  Nehme ich wahr, wie ein Mensch, der sich in meiner Nähe befindet, ein bestimmtes Gefühl erlebt, kommt es nicht nur in seinem, sondern auch in meinem Gehirn zu einer Aktivierung der zu diesem Gefühl gehörenden Netzwerke. Die Gegenwart anderer kann daher, ohne dass uns das bewusst ist, unser Gehirn verändern."[9]

Eben das hatte Buber mit seinen Bemerkungen zum Gespräch im Sinn: die enorme Kraft, die es entfaltet, die elektrisierende Erfahrung, sich einem anderen Menschen nahe zu fühlen, sich ihm zu öffnen und in seine Welt zu treten. Und ganz gleich, wie tief man hineingeht in diese Welt, für wie lange und wie oft - im Moment des Gesprächs tut sich etwas auf, zeigt sich eine Nähe und Offenheit, die vieles zulässt. Es ist der Moment, in dem Schranken fallen, sich dem Anderen anzuvertrauen, Mut zu fassen, sich zu öffnen, das Ungesagte oder in dieser Form noch nicht Gesagte nach außen treten zu lassen. Ich riskiere etwas in diesem Moment, ich setze mich aus in dem Vertrauen, dass das, was ich sage, angenommen wird - das also, weil der Moment so außergewöhnlich ist, auch ich selbst angenommen werde. "Der Zweck der Beziehung ist ihr eigenes Wesen, das ist die Berührung des Du."[10] In Momenten wie diesen zeigt sich, worum es im Gespräch in erster Linie geht: um uns selbst, um unsere Beziehung zueinander, die Art wie wir einander wahrnehmen und uns dadurch positionieren - vor dem jeweils anderen, aber auch, weil die Intensität überspringt, gegenüber der Welt. Das Gespräch handelt von uns, aber weniger in dem Sinn, dass wir Informationen austauschen, sondern an unserer Beziehung, unserer Bindung zueinander arbeiten, sie durch jedes neue Wort erweitern und zugleich bestätigen. Die Worte richten sich an den Verstand, ja. Aber mehr noch, jedenfalls in solchen Momenten, an das, was früher "Seele" hieß.  

 

"Und alle Worte haben Sinn"

 

Es ändert sich viel in solchen Momenten, vielleicht sogar alles - so hat es Rainer Maria Rilke gesehen, der im Jahr 1900 eine solche Situation in Worte fasste - mit dem Unterschied, dass die Ausnahme-Situation zur Konstante geworden ist, sich die beiden Gesprächspartner nicht nur einmal, sondern immer wieder getroffen haben, von ihrer "Begegnung" - so heißt das Gesicht - nicht lassen können.[11] "Zu solchen Stunden gehn wir also hin / und gehen jahrelang zu solchen Stunden, / auf einmal ist ein Horchender gefunden - / und alle Worte haben Sinn." Es sind "Stunden", von denen der Dichter spricht, Zeitspannen also von vergleichsweise kurzer Dauer - aber von einer Kraft, die die Partner in Beschlag nimmt, denn die Gespräche - im Grunde eigentlich ein einziges, immer wieder unterbrochenes und dann wieder aufgenommenes Gespräch - dauern "Jahre", und man kann unterstellen, die beiden Partner wissen warum. "Ein "Horchender" ist mit einem Mal zur Stelle, eine offenbar alles andere als selbstverständliche Erfahrung. Unter dem Gespräch dehnt sich die Einsamkeit, als offenbar die grundlegende, gewohnte Erfahrung. Sie ist es, die dem Gespräch seine Ungeheuerlichkeit beschert, das ganz und gar Ungewöhnliche, das sich in diesen Stunden ereignet, eine Empfindung, die der Dichter - das lyrische Ich, aber auch dessen Gegenüber - so kaum kannte: "und alle Worte haben Sinn."

Worte haben Sinn - offenbar hatten sie ihn vorher nicht. Eben das ist die Magie bestimmter Gespräche: Dass sich hier etwas ereignet, das längst nicht immer und überall der Fall ist, dass nämlich die Worte sprechen, wo sie vorher schwiegen, jedenfalls in ihrer untergründigen Bedeutung, ihrem Subtext. So oder ähnlich sind sie schon wiederholt gesagt worden, aber erst jetzt, in diesem Gespräch, gegenüber dieser einen Person, beginnen sie zu schwingen. Waren sie bislang starr und hölzern, vibrieren sie nun, lösen etwas aus zwischen mir und dem anderen, verbinden uns, stiften eine Einheit. "Der Mensch empfängt, und er empfängt nicht einen Inhalt, sondern eine Gegenwart, eine Gegenwart als Kraft", hat Martin Buber diesen Prozess beschrieben.[12]

Für Rilke dürfte die Begegnung mit dem / der "Horchenden" eine Erlösung gewesen sein.  Von der Mutter, untröstlich über den Tod der eine Woche nach der Frühgeburt verstorbenen Tochter, die ersten Jahre als Mädchen erzogen - lange Locken, Mädchenkleider, Puppen und Puppenstube -, hat er noch als Erwachsener Mühe, in der Welt zu bestehen. Auf der Militärschule in St. Pölten reißt ihm ein Offizier das dünne Goldkettchen vom Hals, auch die Wäsche voller Rüschen empfindet man dort als fehl am Platz. Doch nicht nur in der Kaserne, auch im zivilen Leben scheint Rilke nicht ganz in der Spur, unterscheidet sich von den meisten Männern seiner Zeit. Als er mit seiner Frau Clara Westhoff Jahre später, 1907, für einen Abend zu Gast bei Harry Graf Kestler ist, hält der Schriftsteller und Diplomat Rilkes eigentümliche Ausstrahlung fest. Von den beiden Ehepartnern erscheint er wie der weiblichere, beobachtet Kessler. "Wenn er beim Sprechen zusammengekauert mit überschlagenen Beinen und Armen auf seinem Stuhl sitzt, hat man von seinem dünnen Körper und seiner leisen, immer fast bittenden Stimme einen Eindruck wie von einem unschönen jungen Mädchen."[13] Seine Zeitgenossen nehmen Rilke als scheuen Menschen wahr: körperlich kränklich, sozial von bescheidener Herkunft (dem Vater missriet die angestrebte militärische Karriere, stattdessen wurde er Beamter der regionalen Bahngesellschaft), mit brüchigem Verhältnis zur Geschlechtlichkeit, ist er ständig bereit zum Rückzug, zur Flucht. "Die Stille wuchs gewissermaßen um ihn, wohin er ging und wo er sich befand", beschreibt ihn sein Freund Stefan Zweig.[14] So ist Rilke einer der großen Unerlösten, einer jener, die kaum hinauskommen aus sich selbst - "Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen", heißt es noch in den von 1912 an verfassten Duineser Elegien -, lange unerlöst auf der Suche nach dem Austausch, einem Gespräch, das den Namen verdiente.[15] Auch seine Ehefrau Clara Westhoff vermag ihn aus dem Schweigen nicht zu erlösen.

Doch schon im Mai 1897 lernt er Autorin Lou Andreas-Salomé kennen. Mit der 15 Jahre älteren Künstlerin, einer Freundin Paul Rées und Friedrich Nietzsches (mit denen sie 1882 dem Fotografen Jules Bonnet für ein berühmt gewordenes Foto - die beiden Philosophen als eine Art Gespann vor einem kleinen Heuwagen, darauf Salomé mit einer Art Peitsche in der Hand – Model stand), kommt das Gespräch in die Welt, wenn auch zögerlich. Rilke wirbt um die verheiratete Autorin und Psychoanalytikerin, und wenn sie ihn zunächst - ihre Aufzeichnungen an dieser Stelle sind recht deutlich - wenig attraktiv findet, werden die beiden doch irgendwann ein Liebespaar.  "Denn ich hab' der Sehnsucht neben mir in die Augen geschaut" umreißt Rilke in einem Brief an die Nacht zum 1. Juni jenes Jahres, die die beiden zusammen in Wolfratshausen verbracht haben. Dass sie redeten in jener Nacht, aber eben nicht nur redeten, deutet der Dichter im Weiteren ebenfalls an: "Ich kann leiser werden in jedem Wort", schreibt er ihr in einem kurz darauf verfassten Brief.[16] Aber die beiden sprechen eben auch - und Rilke leidet darunter, nicht durchgehend, aber bisweilen. Die willensstarke Geliebte erfasst die in allem Äußeren so zögerliche, unsichere und zugleich so schwärmerische Veranlagung Rilke und drängt ihn, seinen bürgerlichen Vornamen "René" durch einen ungleich nüchternen, nämlich "Rainer", zu ersetzen. Ihre Strenge tut ihm offenbar gut, und ebenso ihre Stimme. Wie in der Nacht zum 1. Juni kostet er "jene seltenen Stunden", wie es in dem Brief heißt, Stunden, "die wie ein dichtumblühtes Inselland sind, losgelöst von allen andern, wie gelebt in einem zweiten, höheren Sein."[17] Hier erlebt er sie, die "seltenen Stunden", "solche Stunden", in denen auf einmal "ein Horchender gefunden" ist, und wenn er eines spürt in diesem frühen Juni des Jahres 1897, dann, wie kostbar Worte sind, wenn sie mit einem Mal Sinn ergeben, eine Verbindung jenseits des Üblichen stiften. "Ich will nicht zu den Menschen reden, damit ich den Nachklang Deiner Worte, der wie ein Schmelz über den meinen zittert und ihren Klang reich macht, nicht verschwende", schreibt Rilke an Salomé."[18]

Es bleibt etwas hängen in diesen Gesprächen, sie schlagen sich nieder in der Erinnerung, abrufbar auf lange Zeit, vielleicht sogar für immer, Wegmarken der Biographie, die natürlich immer die eigene ist, aber so nicht wäre, gäbe es den anderen nicht oder hätte es ihn nicht gegeben. Rilke und Andreas-Salomé werden als Liebespaar auseinandergehen, eine intensive Begegnung hinter sich lassen (Freunde werden sie weiterhin bleiben). Und so schmerzhaft das ist, es bleibt etwas, versichert Rilke in dem Gedicht Begegnung: "Und wenn die beiden gleich darauf sich trennen, / beim ersten Wort ist jeder schon allein. / Sie werden lächeln und sich kaum erkennen, / aber sie werden beide größer sein..."

 

Das Wort als Bindestrich

 

Rilke, Buber, 's-Hertogenbosch, die Kölner Mensa: Szenen der Freundschaft, teils der Liebe. Wege und Weisen der Begegnung, außergewöhnlicher Wortwechsel, sprachliche Impulse, Anstöße, aus denen sich so viel ergeben kann. Sie zeigen, was das eigentliche Gespräch ausmacht, und so auch, warum wir von Gesprächen nie genug haben. Denn Worte verändern uns, greifen sich uns und stoßen uns in neue Richtungen. Nicht selten tun die Augen den ersten Schritt: Wir sehen etwas, etwas Bedeutendes im Anderen. Wir sind nicht in der Lage, es zu benennen, spüren aber, dass es bedeutend ist, jedenfalls bedeutend sein könnte. "Im Blick vermittelt sich das Einverständnis zwischen Menschen", umreißt diese Erfahrung der Philosoph Helmut Plessner, und wenn dieser Blick nur - "nur"? - die Physis trifft, so folgt ihr doch alles Weitere.[19] Jeder bringt in ein Gespräch dieser Art nicht weniger als seine ganze Geschichte, seine gesamten Erfahrungen ein, sie sprechen aus ihm, ohne sich durchweg kontrollieren zu lassen - als verbale Wucht, als biographisch geformte Wortmasse, die das Vergangene resümiert, zugleich aber bereit ist, ihm im und durch das Gespräch eine neue Richtung zu geben. "Wenn ich spreche, ist es weniger um meiner selbst als um des anderen willen", schreibt der Philosoph Georges Gusdorf. "Ich spreche, um mich an den anderen zu wenden, um mich verständlich zu machen. Das Wort ist hier wie ein Bindestrich."[20] Durch das Wort wachsen zwei Menschen zusammen, und das Ganze dieses Austauschs ist mehr als die Summe seiner Teile. Etwas Neues entsteht: ein Impuls, eine Regung, ein vertieftes Verständnis des Anderen aber auch der eigenen Person. Deep talk, das tiefe Gespräch, setzt unendlich viel frei. Es umfasst zwei Biographien, startet mithin in der Vergangenheit und führt durch Worte in neue Welten. Das Gespräch: nichts anderes als Zukunft im Moment ihres Entstehens.

Dieses Kapitel entstammt meinem Buch “Im Gespräch. Wie wir einandern begegnen”, Verlag zu Klampen, 2025

[1] Roland Barthes, Le Grain de la voix. Entretiens (1962-1980), Paris, 1982, S. 231.

[2] Georges Gusdorf, La parole, Paris, 2016, S. 46.

[3] Martin Buber, Ich und Du, Ditzingen, 2021, S. 16.

[4] Vergl. Gerd Krumeich, Der Erste Weltkrieg. Die 101 wichtigsten Fragen, München, 2014, E-Book, Pos. 2565, Kap. "Wie viele Soldaten und Zivilisten aller Nationen sind dem Ersten Weltkrieg zum Opfer gefallen?".

[5] Bernhard Lang, "Nachwort", in Martin Buber, ebd., S. 211.

[6] Martin Buber, ebd., S. 22.

[7] Ali Benmakhlouf, La conversation comme manière de vivre, Paris, 2016, E-Book, Pos. 20m, Kap. "Introduction".

[8] Martin Buber, ebd., S. 23.

[9] Joachim Bauer, Wie wir werden, was wir sind. Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz, München, 2019, S. 24.

[10] Martin Buber, ebd., S. 46.

[11] Rainer Maria Rilke, "Begegnung", online unter: https://www.deutschelyrik.de/begegnung-1900.html

[12] Martin Buber, ebd., S. 109.

[13] Zitiert nach Fritz J. Raddatz, Rilke. Überzähliges Dasein. Eine Biographie, Zürich / Hamburg, 2009, E-Book, Pos. 146, Kap. "Das Genie schlummert noch".

[14] Zitiert nach Fritz J. Raddatz, ebd., Pos. 51, Kap. Das Genie schlummert noch".

[15] Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien, ohne Orts- und Zeitangabe, E-Book, Pos. 217, Kap. "Die siebente Elegie".

[16] Dieses und das folgende Zitat nach Heimo Schwilk, Rilke und die Frauen. Biografie eines Liebenden, München / Berlin, 2016, S. 65

[17] Zitiert nach Gunter Martens und Annemarie Post-Martens, Rainer Maria Rilke, Rainbek, E-Book, Pos. 296, Kap. "'Gib mir eine Form'. Lou und Rainer 1897-1903"

[18] Zitiert nach Heimo Schwilk, ebd., S. 67.

[19] Helmuth Plessner, Philosophische Anthropologie. Göttinger Vorlesung vom Sommersemester 1961, Berlin, 2019, S. 76.

[20] Georgs Gusdorf, La parole, Paris, 2016, S. 47.

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