Eleganz II: Das Lächeln auf der Bühne
Was lässt sich in einem Lächeln lesen – und was entzieht sich dem Blick? Wie verhält man sich auf der Bühne, wenn tausende Menschen schauen? Ein Blick auf Maria Callas, Paris 1958.
Dicht fährt die Kamera heran, nimmt Kurs auf die Gesichtszüge der Künstlerin und präsentiert sie den Zuschauern am TV. Zu sehen ist Maria Callas am Ende ihres Pariser Konzerts im Dezember 1958, die Sängerin quittiert den Schlussapplaus. Den Hals entschlossen durchgedrückt, den Kopf ganz leicht geneigt, richtet sie die Augen auf ein ungewisses Ziel. Sie nehmen nichts und niemanden konkret in den Blick, vermeiden jeglichen Kontakt, richten sich stattdessen in eine ungewisse Ferne. Beinahe abwesend wirkt sie, als nähme sie den Beifall eher beiläufig entgegen, als selbstverständliche Dankesschuld des Publikums.
Die Lippen, minimal geöffnet, deuten ein Lächeln an, doch findet dieses keine Fortsetzung in der Stirnpartie. Es ist ein verhaltenes Lächeln: gezügelt, kontrolliert und ernst, der strengen, athletischen Pose entsprechend, mit der Callas sich dem Beifall stellt. Blau geschminkte Lider in energischer Spannung zum dunklen Rot ihres Kleides, goldene Ohrringe, eine Kette aus goldenen Reifen – markanter Damenschmuck, aber nur Accessoire der Figur im Ganzen. Die Figur hat einen Namen: Maria Callas, “la divina”.
Ein Star unter Beschuss
Doch die Primadonna ist öffentlich angeschlagen in jenem Dezember 1958. Seit Monaten liegt ihr das Publikum nicht mehr zu Füßen. Im Sommer 1957 hatte sie beim Edinburgh Festival einen Auftritt abgesagt – nur um just an diesem Abend bei einer privaten Gala in Venedig aufzutreten. Was ist das für eine Sängerin, fragten die Kritiker, die privates Vergnügen über die Kunst stellt? Anfang 1958 dann der größte Skandal: In Rom bricht sie nach dem ersten Akt der “Norma” ab, erkältet, die Stimme versagend. Der italienische Staatspräsident sitzt im Publikum. Das Publikum protestiert, sammelt sich am Künstlerausgang. Callas flieht. “Ich wurde buchstäblich gelyncht”, wird sie später sagen. Im April 1958 folgen weitere Differenzen mit der Metropolitan Opera in New York, die Zusammenarbeit wird beendet.
All diese Geschichten dürften dem Pariser Publikum jenes Abends im Dezember bekannt gewesen sein. Und ein gewisses perverses Vergnügen dürften zumindest einige aus einer Frage geschöpft haben: Wie schlägt sich die Diva? Was verbirgt, was entbirgt das Lächeln der Maria Callas?
Kontrollierte Distanz
“Das Gesicht ist eine Chiffre”, schreibt der französische Soziologe David Le Breton, “ein Aufruf, das Rätsel zu lösen.” Das Lächeln, so der Philosoph Helmuth Plessner, ist dabei “ein Ausdruck im Diminutiv” – lautlos und gedämpft, geht es auf Abstand zum unmittelbaren Ausdruck der Empfindungen, signalisiert Distanz zu den Emotionen. Wer lächelt, dämpft ab, mag mit seinen Affekten ringen, unterwirft sie am Ende aber, formt sie zu kontrolliertem Ausdruck. Es signalisiert: “Abstand im Ausdruck zum Ausdruck.” Wer lächelt, weiß was er tut, vergisst sich nicht, ist sich vielmehr seiner selbst bewusst, feilt am Ausdruck.
Dies gilt umso mehr für die Bühnensituation. Nichts ist selbstvergessen in diesem Moment, alles kalkuliert, komponiert und berechnet, bis in die Mimik hinein. An diesem Abend füllt Callas keine durchgängige Opernrolle aus – zu hören waren populäre Arien, Einzelstücke. Die einzige Rolle, die sie spielt und unbedingt zu spielen hat, ist ihre eigene: die der bekanntesten Operndiva ihrer Zeit. Dieser gehört der Abend, ein Umstand, der sich auch in den Eintrittspreisen spiegelte: 35.000 Francs kostete die Karte, für die allermeisten Franzosen eine erhebliche Summe. Charlie Chaplin, Brigitte Bardot, Jean Cocteau, Aristoteles Onassis, Yves Saint Laurent – sie alle waren gekommen, um Maria Callas zu erleben, den Weltstar der Oper.
Maske der Unsterblichkeit
Ein Jahr vor Callas’ Pariser Auftritt hatte Roland Barthes in seinen “Mythen des Alltags” das Gesicht der Greta Garbo beschrieben: “die schneeweiße Schminke dicht wie eine Maske aufgetragen; es ist kein geschminktes, sondern ein gipsernes Gesicht, geschützt durch die Fläche der Farbe.” Auch auf dem Cover der Zeitschrift LIFE 1937 schaut Garbo die Betrachter nicht an, ihr Blick verschmäht sie, gleitet über sie hinweg in eine unbestimmte Ferne. Ihr Lächeln ist ausschließlich eines für die Kamera, das des Stars, der weiß, dass er in diesem Moment fotografiert wird.
Wie Garbo verkörpert auch Callas in jenem Dezember-Moment keine fiktive Rolle. Sie stellt ausschließlich eines dar: sich selbst. Beide Gesichter sind Masken, Masken aus Haut, trainiert, Emotionen nicht nach außen dringen zu lassen. “Der Erfolg der faces besteht genau gesehen darin”, schreibt der Kunsthistoriker Hans Belting, “dass wir sie nur als Bilder kennen und doch als Gesichter verstehen.” So lädt das Gesicht des Stars ein zu einem Dialog, den es tatsächlich gar nicht halten will. Im Angebot hat es eine Mimik, die nichts darstellt als sich selbst, die gerade durch die Kunst der Verstellung fasziniert.
Vom “Schauspieler, der sich selbst verkörpert”, spricht Helmuth Plessner, und was für den Filmstar gilt, gilt auch für den Star des Opernbetriebs. Callas spielt Callas, die Operndiva. Man mag Melancholie in ihrem Lächeln sehen, ein Zeichen des Bedauerns vielleicht über den Trubel der vergangenen Monate – aber sicher ist es nicht. Die Maske jenes Abends lässt alle Deutung scheitern. Das Publikum applaudiert, und auch 70 Jahre später fasziniert dieses Lächeln. Aber was es sagen will, bleibt Geheimnis der Sängerin. Und dass es ein Geheimnis bleibt, diesem Umstand verdankt sich seine Strahlkraft, ein Abglanz beinahe der Unsterblichkeit.
Dieser Essay ist ein leicht überarbeiteter und stark gekürzter Text aus meinem Buch Gesten. Überlegungen zu einer zerbrechlichen Sprache, Verlag Vittorio Klostermann, Paperback, 2025.