Zwei Leben. Rimbaud in Aden
Wo sollen wir anhalten,
fragte die Wolke erneut.
Victor Hugo, Les Orientales
Arthur Rimbaud ist wortkarg. Über zwei Monate ist es her, dass er seiner Familie geschrieben hat. Seinen letzten Brief hat er Anfang Juni 1880 aus Zypern abgeschickt. Danach: Schweigen. Wochen des Reisens, Wochen ohne Nachricht. Erst Mitte August meldet er sich wieder. Der Brief ist kurz, fast karg. Er habe Zypern verlassen, schreibt er. Habe Arbeit in mehreren Städten am Roten Meer gesucht. Sei krank angekommen. Nun arbeite er bei einem Kaffeehändler, verdiene sieben Francs am Tag. Wenn er etwas Geld beisammen habe, wolle er weiter nach Sansibar.
Mehr nicht.
Dass er in Aden ist, erfährt die Familie nur indirekt, aus der Datierung am Kopf des Briefes: Aden, 17. August 1880. Über den Ort selbst schreibt Rimbaud nichts. Keine Beschreibung, kein Eindruck, kein Wort über Hitze, Licht, Geräusche, Menschen. Aden bleibt eine bloße Koordinate, ein Durchgangspunkt, ein Name.
Dabei ist Aden alles andere als ein unbedeutender Ort. Als Rimbaud dort ankommt, ist die Stadt eine der wichtigsten Drehscheiben des globalen Kolonialismus – ein Knotenpunkt zwischen Europa, Afrika und Asien, zwischen imperialer Macht, Handel und militärischer Kontrolle. Wer Aden verstehen will, versteht viel von der Welt, in die Rimbaud sich hineinbegibt.
Seit 1839 ist Aden britisch. Die Stadt wurde mit Gewalt eingenommen, gegen den Widerstand lokaler Machthaber. Fünfzehn britische Soldaten kamen ums Leben, etwa hundertfünfzig Araber wurden getötet oder verletzt. Seither ist Aden Teil des Empire – ein vorgeschobener Außenposten, dessen Bedeutung mit dem Ausbau der globalen Verkehrswege stetig wächst. Besonders nach der Eröffnung des Suez-Kanals 1869 wird die Stadt zu einem neuralgischen Punkt. Der neue Wasserweg verkürzt die Strecke zwischen Europa und Indien um Tausende Kilometer, beschleunigt den Waren- und Personenverkehr dramatisch und verschärft zugleich den Wettlauf der europäischen Mächte um Einflusszonen in Afrika und am Roten Meer.
Aden liegt an der Schwelle zwischen Rotem Meer und Indischem Ozean. Wer hier kontrolliert, kontrolliert eine der wichtigsten Verkehrsadern der Welt. Entsprechend massiv ist die militärische Präsenz. Britische Truppen sind an allen strategischen Punkten stationiert: in Krater, in Steamer Point, an den Engstellen der Küste. Exerzierplätze und Lager prägen das Stadtbild. Regelmäßig demonstrieren Militärparaden die Macht des Empire – eine Machtdemonstration nach außen wie nach innen, gegenüber der lokalen Bevölkerung ebenso wie gegenüber den europäischen Konkurrenten.
Für Rimbaud ist Aden der erste Ort seines „zweiten Lebens“. Er ist fünfundzwanzig Jahre alt, ein ehemaliger Dichter, der seit Jahren keine Gedichtzeile mehr geschrieben hat. Europa hat er hinter sich gelassen – nicht nur räumlich, sondern existentiell. Frankreich, Paris, die literarische Szene: All das gehört für ihn einer gescheiterten Vergangenheit an. Sein lyrisches Werk ist abgeschlossen, sein Anspruch auf eine poetische Neuerfindung der Welt zerbrochen. Was bleibt, ist der Versuch, ein anderes Leben zu führen. Ein nüchternes. Ein praktisches. Eines, das sich in Zahlen, Routen und Bilanzen bewähren muss.
Dass er über Aden schweigt, ist bezeichnend. Es ist, als wolle er den Ort nicht wahrnehmen, ihn nicht symbolisch aufladen, ihn nicht in Sprache verwandeln. Sprache war sein altes Medium – nun verweigert er sie sich. Stattdessen tritt er in ein Leben ein, das von Arbeit, Disziplin und Anpassung geprägt ist. Er arbeitet im Handelshaus von Alfred Bardey, einem französischen Kaufmann, der wie viele Europäer seine Geschäfte lieber unter britischem Schutz betreibt als im unsicheren französischen Außenposten auf der gegenüberliegenden Küste.
Bardey beschreibt das Haus, in dem auch Rimbaud arbeitet, mit nüchterner Genauigkeit: ein großes Gebäude nördlich des Kraters, mit Arkaden, Veranda, weitläufigen Lagerräumen. Ein funktionaler Ort, geschaffen für Warenströme, nicht für Gedanken. Hier wird Kaffee umgeschlagen, später Häute, Elfenbein, Waffen. Hier beginnt Rimbauds langsame, zähe Karriere als Händler, Organisator, Vermittler zwischen Welten.
Aden ist kein Ort der Freiheit. Es ist ein Ort der Ordnung – kolonialer Ordnung, militärischer Ordnung, ökonomischer Ordnung. Und doch bietet er Rimbaud etwas, das Europa ihm nicht mehr geben konnte: eine Rolle. Eine Funktion. Eine Möglichkeit, sich in einem System zu bewegen, ohne sich ständig rechtfertigen zu müssen. In Aden zählt nicht Herkunft, nicht literarischer Ruhm, nicht soziale Gewandtheit. Es zählen Zuverlässigkeit, Belastbarkeit, Anpassungsfähigkeit.
Gleichzeitig ist Aden Teil einer Welt, die Rimbaud fremd bleibt. Er ist Europäer unter Europäern, geschützt durch eine Macht, der er nicht angehört und der er doch seine Sicherheit verdankt. Die kolonialen Strukturen, in denen er arbeitet, ermöglichen sein neues Leben – ohne dass er sie reflektiert oder kommentiert. In seinen Briefen an die Familie findet sich kein Wort über die politische Ordnung, keine Kritik, keine Rechtfertigung. Er beschreibt seine Existenz in Zahlen, in Klagen über Hitze und Krankheiten, in Hoffnungen auf bessere Geschäfte anderswo.
Denn Aden ist für ihn kein Ziel. Es ist ein Übergang. Schon früh denkt er an Sansibar, später an Harar. Bewegung bleibt sein Grundmodus. Der „Mann mit den Windsohlen“, wie Paul Verlaine ihn genannt hat, kommt auch hier nicht zur Ruhe. Sein zweites Leben ist ein Leben auf Widerruf – erfolgreich, diszipliniert, aber innerlich gespannt.
Und doch lässt sich dieses zweite Leben nicht vom ersten trennen. Die Briefe nach Frankreich reißen nicht ab. Immer wieder schreibt Rimbaud an seine Mutter, berichtet von Mühen, Enttäuschungen, körperlichen Beschwerden. Der Ton ist auffallend angepasst, fast unterwürfig. Der große Sprachkünstler greift zurück auf die schlichte, kunstlose Sprache seiner Herkunft. Es ist, als kehre er sprachlich heim, während er geographisch immer weiter fortgeht.
Aden markiert damit einen paradoxen Anfang: den Beginn eines neuen Lebens, das nur möglich ist, weil das alte scheinbar beendet ist – und das doch von diesem alten Leben unablässig begleitet wird. Rimbaud flieht vor Europa, vor seiner Vergangenheit, vor sich selbst. Aber die Distanz reicht nicht aus. Sie ist groß – und doch zu klein.
Dieses Buch erzählt von diesem zweiten Leben: von Rimbauds Jahren in Arabien und Afrika, von Handel und Reisen, von Anpassung und Fremdheit. Es fragt, was es bedeutet, sich neu zu erfinden – und welchen Preis ein solcher Bruch fordert. Rimbauds Weg ans Rote Meer ist eine radikale Antwort auf ein Gefühl, das viele kennen: das Gefühl, am falschen Ort zu sein, in einem Leben, das nicht das eigene ist. Seine Geschichte zeigt, wie weit man gehen kann, um diesem Gefühl zu entkommen. Und wie hartnäckig die eigene Herkunft bleibt – wie ein Schatten, den man nicht abschüttelt, selbst unter der Sonne von Aden.
Der Text ist eine Leseprobe aus meiner Biografie "Das zweite Leben des Arthur Rimbaud". Sie erscheint im März 2026 im Verlag Herder.
Das vermutlich von Georges Révoil aufgenommene Foto zeigt aller Wahrscheinlichkeit Arthur Rimbaud (zweiter von rechts) im Hôtel de L'Univers. Dem Foto und seiner Geschichte habe ich in dem Buch ein eigenes Kapitel gewidmet